Kölner Stadt-Anzeiger vom Dienstag, 14. Februar 1995

Ein Ereignis von magischer Kraft

Urania-Theater: Marlin von Wick mit Gottfried Benn Linie
Es gab kaum eine Vorankündigung, und dieser Widrigkeit zum Trotz gelang Rolf Wißkirchen mit seinem bei aller dunklen Umwölktheit erhellenden "Gottfried Benn"-Abend im Urania-Theater ein Theaterereignis von insistierender, nahezu magischer Kraft, dessen kapriziöse bis sarkastelnde Sprachartistik den Betrachter immer wieder in die Randzonen des Kabaretts für Intellektualisierte entführte.

Die "Phänomenologie meiner Ich-Bestände" als Künstler gemeinsam mit Benn auszuschreiten, dies scheint Wißkirchens Impetus. Der asketisch schwarz gewandete Dichter (Marlin von Wick) sitzt versunken unter einer trüben Lampe; über die Empore schleicht es, als habe sich sein Unterbewußtsein aufgemacht zu ständigen Fragen, Denkanstößen, Verunsicherungen, die die isolierte und gleichwohl hellwache Versunkenheit dieses "Gezeichneten" verstören sollen. Und mit Benn treibt es den Schöpfer dieses Abends gleich zu Beginn immer näher an die "Dinge heran, ihre Atmosphäre, ihre Verwurzelung, ihre Kausalität, ihr Sein", mit einer Art Frage-und-Antwort- Spiel, entnommen dem "Weinhaus Wolf", der ersten.

Rechtfertigungsschrift Benns von 1937, wenige Jahre nach Annäherung und Abstoßung der Phänomenologie des Dritten Reiches. Es ging Benn damals um die Erkenntnis der Leere und Häßlichkeit der Welt und um die Posititon der Isolation und Distanz des Künstlers; es ist bezeichnend, daß Wißkirchen da auf einen betagten Text zurückgreifen wollte oder sogar mußte. Denn er hat sich in diesem Jahrhundert schon so "form"vollendet mit der Diskrepanz zwischen Sein und Denken auseinandergesetzt. "Heute dreht sich alles um alles, und wenn sich alles um alles dreht, dreht sich nichts mehr außer um sich selber", diese ironische Erkenntnis ist an Aktualität nicht zu überbieten. Wißkirchen, seine Spieler und das Trio an Schlagzeug, Gitarre und Posaune mit seinen schrillen Dissonanzen besorgten eine Benn-Renaissance der bedenkenswerten und zuweilen düster, humoristischen Art; der wohltuende Umgang mit Benns scharf und elegant pointierter Sprache soll dabei nicht unerwähnt bleiben.

(bac)

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